Schwester Petra sagt, wie es ist
- Levi Ning
- Apr 12
- 3 min read
Ich kenne eine Schwester, die würde über viele der Texte, die hier über Pflege geschrieben werden, wahrscheinlich erst einmal laut lachen. Nicht weil sie Pflege nicht ernst nimmt – im Gegenteil. Sondern weil sie findet, dass man manchmal zu vorsichtig über diesen Beruf spricht. Als müsste man jedes Wort erst dreimal drehen, bevor man es ausspricht, Aber Petra macht das anders.
Petra ist eine von denen, die morgens in die Wohnung kommen, ihre Tasche auf den Tisch stellen und zuerst einmal sagen: „So, jetzt schauen wir mal, was wir heute mit Ihnen anstellen.“ Und meistens beginnt der Tag genau damit: mit einem Grinsen.
Wenn jemand versucht, ihr einzureden, dass etwas nicht geht, dann legt sie den Kopf ein bisschen schief, verschränkt die Arme und sagt trocken: „Ach hören Sie auf. Gestern ging’s doch auch.“
Das klingt manchmal frech, aber seltsamerweise funktioniert es.
Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen sofort merken, dass hinter dieser Art eine große Ehrlichkeit steckt. Petra verstellt sich nicht. Sie kommt nicht mit einem künstlichen Lächeln herein und sagt auch nicht Dinge, die sie nicht meint. Wenn jemand schlecht geschlafen hat, sagt sie: „Sie sehen auch aus, als hätten Sie schlecht geschlafen.“ Und wenn jemand sich gut schlägt, sagt sie genauso direkt: „Das war heute richtig gut.“
Ich habe sie einmal beobachtet, wie sie einer älteren Dame beim Aufstehen geholfen hat. Die Dame war überzeugt, dass sie das nicht schaffen würde. Schon beim Hinsetzen begann sie zu erzählen, dass ihre Beine heute besonders schlecht seien und dass das alles keinen Sinn habe.
Petra hörte sich das an, nickte kurz und sagte dann: „Ja, ja, das erzählen Sie mir jeden zweiten Tag.“
Dann stellte sie sich neben den Stuhl, hielt die Hände hin und sagte in einem Tonfall, der keine große Diskussion zuließ: „So. Und jetzt stehen wir auf.“
Die Dame schaute sie kurz an, als wolle sie noch etwas entgegnen. Dann griff sie nach den Händen, stemmte sich hoch – und stand. Und Petra grinste.
„Sehen Sie.“
Was mich an solchen Momenten immer wieder erstaunt, ist diese Mischung aus Klarheit und Wärme. Petra kann sehr direkt sein, manchmal sogar ein bisschen ruppig. Aber nie verletzend. Ihre Art hat etwas Bodenständiges, fast Befreiendes. Sie macht aus Pflege kein großes Drama.
„Wir machen das jetzt einfach“, sagt sie oft. Und erstaunlicherweise passiert dann genau das.
Natürlich ist auch Petra nicht immer nur gut gelaunt. Es gibt Tage, an denen sie aus dem Auto steigt und schon beim Blick auf den Tourenplan die Augen verdreht. Dann sagt sie Dinge wie: „Wer hat sich das denn wieder ausgedacht?“ oder „Das wird heute sportlich.“
Aber selbst an solchen Tagen merkt man schnell, dass sie diesen Beruf mit einer tiefen Überzeugung macht. Nicht mit pathetischen Worten und großen Gesten, sondern mit einer Art pragmatischer Zuneigung zu den Menschen, die sie betreut.
Sie sagt oft einen Satz, der mir im Gedächtnis geblieben ist:
„Die Leute brauchen keinen perfekten Menschen. Die brauchen jemanden, der wirklich da ist.“
Und genau darin liegt wahrscheinlich das Geheimnis ihrer Art. Authentizität.
Sie kommt nicht als jemand, der alles besser weiß. Sie kommt als jemand, der sich einmischt, der anpackt, der manchmal einen Witz macht und manchmal auch ganz klar sagt, was Sache ist.
Und manchmal, wenn ich sie beobachte, denke ich, dass diese Art in der Pflege vielleicht sogar wichtiger ist, als man denkt. Nicht jedes Gespräch braucht sanfte Worte. Manche Menschen brauchen jemanden, der ihnen zutraut, stärker zu sein, als sie gerade glauben und Petra hat dafür ein erstaunlich gutes Gespür.
Sie weiß, wann sie jemanden antreiben kann und wann sie einfach still neben einem Bett sitzen muss. Sie merkt, wann ein Scherz die Stimmung hebt und wann ein Mensch gerade keinen Humor gebrauchen kann.
Und vielleicht ist es genau diese Mischung aus Direktheit, Erfahrung und echtem Interesse an Menschen, die dafür sorgt, dass viele ihrer Patienten sie mögen.
Auch wenn sie manchmal sagen: „Die Petra… die nimmt auch kein Blatt vor den Mund.“
Meistens folgt danach ein Lächeln.
Wenn ich ehrlich bin, denke ich manchmal, dass Pflege genau solche Menschen braucht. Menschen, die nicht nur vorsichtig formulieren, sondern auch einmal sagen können: „Jetzt machen wir das einfach.“
Nicht laut oder dramatisch.
Einfach echt und klar.



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