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Was heilt uns eigentlich selbst?

  • Levi Ning
  • Feb 19
  • 2 min read

Pflege wirkt. Wir sprechen oft darüber, wie sie auf Wunden, Mobilität oder Vitalwerte wirkt. Doch seltener fragen wir, was sie mit uns selbst macht. Wer pflegt, gibt Zeit, Aufmerksamkeit, Kraft. Und manchmal auch mehr, als ihm bewusst ist.


Es gibt Tage, an denen man erschöpft nach Hause geht, obwohl alles korrekt gelaufen ist. Und es gibt Tage, an denen die Arbeit schwer war und dennoch etwas getragen hat. Der Unterschied liegt selten in der Anzahl der Aufgaben, sondern in der inneren Beteiligung.


Pflege ist Beziehung. Und Beziehung wirkt in beide Richtungen. Sie kann stärken – und sie kann auszehren. Wenn Nähe nicht bewusst gestaltet wird, kippt sie. Dann wird aus Mitgefühl Überforderung, aus Verantwortung eine dauerhafte innere Anspannung.


Ich habe Mitarbeitende erlebt, die in ihrer Freizeit Einkäufe für Klienten erledigt haben. Andere kümmerten sich stundenweise um den vereinsamten Hund, weil sonst niemand da war. Das geschah nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus echtem Engagement. Aus dem Wunsch, es gut zu machen. Vielleicht sogar aus Verbundenheit.


Und doch zeigt sich genau hier die Spannung. Wenn Hilfe keinen Rahmen mehr hat, verliert sie ihren Rhythmus. Was als menschliche Geste beginnt, kann unmerklich zur Selbstüberforderung werden. Die Grenze verschiebt sich – nicht aus Bosheit, sondern aus Gutwilligkeit.


Abgrenzung ist deshalb notwendig. Sie schützt nicht nur vor Erschöpfung, sondern bewahrt die eigene Klarheit. Ohne Abgrenzung wird Nähe grenzenlos – und grenzenlose Nähe brennt aus.


Doch auch das Gegenteil birgt Gefahr. Wenn Abgrenzung zur Dauerhaltung wird, entsteht Distanz. Pflege wird korrekt, strukturiert, professionell – aber innerlich unbeteiligt. Man spürt weniger, um weniger belastet zu sein. Und irgendwann spürt man auch weniger Freude.


Zu viel Nähe führt zur Überforderung.

Zu viel Distanz zur Verarmung.


Gesund ist nicht das Extreme, sondern der Rhythmus zwischen beidem. Nähe und Rückzug, Engagement und Sammlung, Einlassen und Loslassen. Wer in diesem Wechsel beweglich bleibt, bleibt lebendig.


Vielleicht heilt uns nicht jede Begegnung. Vielleicht heilt uns vielmehr die Fähigkeit, bewusst zu gestalten, wann wir uns öffnen und wann wir uns sammeln. Wann wir tragen – und wann wir loslassen.


Ganzheit betrifft nicht nur den Menschen, der gepflegt wird. Sie betrifft auch den, der pflegt. Wer sich selbst keinen Raum gibt, wird irgendwann eng. Wer sich dauerhaft verschließt, verliert Verbindung.


Was heilt uns also selbst? Vielleicht die Momente, in denen Pflege stimmig ist. Nicht grenzenlos. Nicht abgegrenzt um jeden Preis. Sondern im richtigen Maß.


„Das Maß ist eine schöpferische Kraft.“

— R. Steiner


Ganzheit heißt nicht, immer verfügbar zu sein.

Und sie heißt auch nicht, sich zu verschließen.

Sie heißt, im eigenen Rhythmus zu bleiben.


Pfleg mich ganz.

Mach mich wieder ganz.

 
 
 

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